Der Deix der Literatur.

Es war 2013. Ich war Juror beim Alsergrunder Literaturstipendium. Und da war dieser Textentwurf mit dem vielsagenden Titel „am beispiel der butter“. Der Autor: Ferdinand Schmalz. Nun kannte ich einen Ferdinand Schmatz, aber keinen Ferdinand mit Namen Schmalz. Ich rief an, versicherte mich, dass wir da nicht verschaukelt werden sollten. Den Autor gab es. Ferdinand Schmalz ein Pseudonym. Den bürgerlichen Namen, Matthias Schweiger, erfuhr ich dann erst bei der Preisvergabe. Schmalz erhielt das Stipendium. Er hatte sich gegenüber 90 EinreicherInnen durchgesetzt.

Vier Jahre später. Herr Schmalz gewinnt den Bachmannpreis mit dem Romanauszug „mein lieblingstext heißt winter“. Die Geschichte des Tiefkühlkostvertreters Franz Schlicht überzeugte die Jury: „Schmalz hat mit mein lieblingstier heißt winter ein ebenso lustiges wie existenzielles, dabei sprachlich brillantes Stück Literatur geschrieben.“ (Wiebke Porombka)

4 weitere Jahre später erscheint der Roman nun zur Gänze. Nicht mehr in Kleinschrift, sondern hübsch Groß/klein. Und in 18 Kapiteln, wovon das zweite der Klagenfurter Siegertext ist.

Über die Handlung muss hier nicht lange referiert werden. Schlicht soll einem makabren Wunsch eines seiner Dauerkunden nachkommen. Der will sich in seine Tiefkühltruhe legen, sich selbst einfrieren und Schlicht soll den gefrorenen Leichnam dann zu einer bestimmten Lichtung verbringen. Sie vereinbaren den Termin. Doch als Schlicht die Truhe öffnet, fehlt die Leiche. Und die Suche nach der gefrorenen Leiche beginnt. So weit, so skurill. Und vielleicht auch ein wenig schlicht.

Bemerkenswerter ist da schon die Schmalz-Sprache. Da fehlt schon mal ein Verb, da wird der Satzbau durcheinandergewürfelt, werden Namen hintangestellt: „…er, der Pilz“, „…er, der Harald“, „sie, die Ameise“. So zu lesen auf 2 Zeilen (Seite 10). Was originell klingen soll, experimentell sogar, bekommt etwas Altbackenes, etwas Biederes. Etwas Maniriertes. Diese Kunstsprache unterbindet den Lesefluss. Es ist, als kratzte sich einer mit der rechten Hand überkopf am linken Ohr. In Wien sagt man dazu: um d‘Schreamsen.

Die Handlung wie ein Vorwand. Schmalz geht es um Sprache, er ist ein Sprachakrobat. Da bleiben die Figuren auch schon mal ohne Tiefe. Sie wirken wie Karikaturen. Ich hatte beim Lesen, ich gebe es zu, die Figuren von Deix vor Augen. Ferdinand Schmalz – der Deix der zeitgenössischen, österreichischen Literatur?

Die Prosa von Ferdinand Schmalz liest man am besten laut, damit sich einem Skurillität und Wortwitz erschließen. Das ist zwar mühsam, aber letztendlich lohnend.

Ferdinand Schmalz, „Mein Lieblingstier heißt Winter“, Roman, S.Fischer, 192 Seiten, € 22,95

Meine Wertung: 19 von 22,95 Euro

„Das Recht auf Arschlochsein.“

Oder typischer Fall von „Lothar Herzig“.

In letzter Zeit sind mir etliche Bücher untergekommen, wo sich mir die Unterscheidung zwischen U- und E-Literatur aufdrängte. Macht man es sich aber damit nicht allzu leicht? Kann nicht U-Literatur auch literarisch anspruchsvoll sein? Und muss umgekehrt Literatur, die auch Unterhaltung bietet, automatisch seicht sein?

Ich muss gestehen: Ich habe Johanna Adorjan (*1971) nicht gekannt. Sie kommt aus dem Journalismus. Ihre Bestseller „500 beste Freunde“, „Geteiltes Vergnügen“, oder „Männer“ sind an mir unbemerkt vorübergegangen. Wahrscheinlich lag es teils an den reißerischen Titeln, teils daran, dass ich Bestsellern (mit ganzganz wenigen Ausnahmen, wenn ich etwa die Autorin, den Autor schon über Jahre hinweg Buch für Buch treu folge) überhaupt skeptisch aus dem Weg gehe.

Hauptfigur in „Ciao“ ist der Feuilletonist Hans Benedek, der in der Zeitungsbranche einen hervorragenden Ruf genießt. Und sich als Mann mit beträchtlichem Einfluss wähnt. Doch er ist der letzte, der mit dem zunehmenden Alter bemerken würde, dass er nicht mehr der tolle Hecht von einst ist. Da helfen auch seine Affairen und ein gelber Flitzer nichts. An seiner Seite Frau Henriette. Mit ihr hat er eine 13-jährige Tochter. Sie, die in jungen Jahren einen Gedichtband veröffentlichte, ist die Frau, die bekanntlich hinter jedem erfolgreichen Mann steht. Sie hat auch die Idee, dass Hans doch die angesagte Feministin Xandi Lochner interviewen könnte, um so sein angekratztes Renomee wieder etwas aufzupolieren.

Um es kurz zu machen. Das Vorhaben geht gründlich schief. Lochner macht ihn fertig. Hans Benedek verliert seinen Job. Benedek nimmt es hin, so als wäre der Untergang des weißen, alten Mannes beschlossene Sache.

Johanna Adorjan erzählt aus einer distanzierten, auktorialen Perspektive. Ob ich mich unterhalten fühlte? Adorjan ist das Anekdotische wichtiger als das tiefere Eintauchen in die Psyche ihrer Figuren. Aber auch dieses Anekdotische hat mich nicht wirklich unterhalten. Die Rückblenden etwa in die Kindheit von Hans bleiben zu sehr an der Oberfläche. Mehr noch: das detaillierte Beobachten hat seine Längen und kommt auch nicht um das eine oder andere Klischee herum. Es ist ein Running Gag zwischen Henriette und Hans, auf eine besonders haarsträubende Plattitüde mit dem Namen „Lothar Herzig“, ein erfolgreicher Schreiberling, der für seine besonders einfältigen Kalendersprüche bekannt ist, zu reagieren.

Genau dieser Herzig ist es aber, der dann Benedeks Nachfolger in der Redaktion wird. Da fällt mir, um mit Henriette und Hans zu sprechen, auch wieder nur eines ein:

„Lothar Herzig“.

Johanna Adorjan, Roman, Kiepenheuer & Witsch, 272 Seiten, Euro 20

Meine Bewertung: 7 von 20 Euro

Auf der Suche. Aber wonach?

Doris Mitterbacher ist deutscher Import. Als Mieze Medusa konnte sie sich hierzulande in Slammerkreisen einen Namen machen. Nun liegt nach ihrem Debütroman „Freischnorcheln“ ihr zweiter Roman vor. „Du bist dran“ erzählt von drei Prototypen einer orientierungslos dahintreibenden Gesellschaft. Agnesa steht für die Jungen: 18, ohne Schulabschluss und mit Migrationshintergrund. Eduard vertritt die mittlere Generation: ein Computer-Nerd mit einer veritablen Midlife-Krise, um die 40 und einer, der sich als Hacker Zugang in fremde Leben verschafft.  Und schließlich Felicitas, die dritte im Bunde: 69 und immer noch rebellische Frauenrechtlerin. Sie hat es in die Provinz verschlagen, in einen fiktiven Ort mit Namen Bruck an der Laa. Drei Typen, drei Klischees hoch drei.

 MM lässt die drei abwechselnd in der Ich-Perspektive zu Wort kommen. Sie erzählen aus ihren Leben. Vom Königrufen, von Linsensalaten, von der unerträglichen Fadesse zwischen Null und Eins. Von beruflichen und privaten Rückschlägen. Episode reiht sich an Episode. Wohin das wohl führt? Es kommt, wie es kommen muss. Die 3 Stränge kreuzen sich. Agnesa geht als Zimmermädchen nach Bruck an der Laa. Nach einer übergriffigen Attacke eines Pensionsgastes landet sie unter dubiosen Umständen bei Felicitas, die mit einem Hermann zusammenlebt, dessen Sohn zufällig dieser Computernerd namens Eduard ist.

Das wirkt auf den ersten Blick konstruiert. Und bleibt es auch nach dem zweiten, dritten. Und irgendwann fragt man sich: Wo ist die Geschichte? „Manchmal fährt der Zug über eine Brücke, manchmal durch einen Tunnel. Die Wälder sind grün.“ So beliebig wirken Handlung und Charaktere. Die Figuren bleiben Passagiere der Autorin und ihrer Konstruktion. Ihnen fehlt es an Tiefe. Sie sind seelenlos. „Ich zähle vorsichtig von zehn runter. Wenn ich bei drei bin, frage ich sie einfach. Ich komme bis zur Null, sage aber nichts.“ So ist es auch mir gegangen. Es ist wie dieses Arbeitsgerät, das „wie eine Hacke ausschaut, nur anders.“ Kann es sein, dass wir Mieze Medusa auf den Leim gegangen sind? Und sie uns die Geschichte, den Roman wortgewandt und mit viel Text kaschiert unterschlagen hat?

Aber es kann natürlich alles ganz anders sein. Denn jetzt sind, glaubt man dem Buchtitel, die anderen dran. Wer auch immer die sein mögen…

Friedrich Hahn

Mieze Medusa, Du bist dran, Roman, Residenz Verlag, 256 Seiten, 22 Euro

Meine Wertung: 11 von 22 Euro

Eine leere Flasche als nacktes Puzzle.

Ich beginne zu lesen. Es ist übrigens die Woche, wo in Klagenfurt die Texte von 14 AutorInnen von 7 JurorInnen verhandelt werden. Ich bin mit Teresa allein. Schon auf der ersten Seite werde ich gewarnt: „Ich habe nichts zu sagen. Ich rülpse laut.“ Das nenn ich einmal eine Ansage.

Ist das schon das berühmte Erdbeben, mit dem man laut Wolf Schneider eine Geschichte beginnen soll? Kommt da noch eine Steigerung?

Teresa ist Mitte 30, jobbt in einer Maturareise-Agentur. Und scheint mit dem Leben fertig. Sie will „nirgends mehr hin“, will „nicht mehr mitspielen“, hat „sich selbst aus den Augen verloren“, und „findet sich selbst zum Kotzen“. Und das im wahrsten Sinn. Teresa leidet unter Bulimie (als literarisches Thema leider schon ziemlich abgegessen). Das alles bringt den Boden meines Literaturverständnisses noch immer nicht zum Beben.

Also weiter? Also weiter. Weiter im Text. Teresa kann sich zu nichts mehr aufraffen. Passivität ist angesagt. Sie experimentiert mit ihrem Körper: Schlafentzug, Bewegungseinschränkung, Aussetzen der Körperhygiene. Über die Auswirkungen führt sie Protokoll. Der Spiegel wird zum Hauptbezugspunkt. Seit ihrer Kindheit kann sich Teresa jedoch nicht als Ganzes sehen: „Vor dem Spiegel bin ich ein nacktes Puzzle.“ Sie kompensiert diesen Umstand, indem sie Zeichnungen ihrer Körperteile anfertigt.

Silvia Pistotnig füllt Seite für Seite, um die Leere dieser Teresa darzustellen. Leer Seiten machen sich jedoch nicht wirklich gut. So erfindet Silvia Pistotnig Nicole, eine Zufallsbekannschaft, klein und extrem adipös. Mit ihr verbindet Teresa eine besondere Beziehung, die zuletzt sogar eine verwandtschaftliche wird. Teresa macht Nicole zur Oma. Ja da schau her…

Apropos schauen. Ich schaue nebenher Bachmannpreis, während ich dies hier schreibe. Ich überlege, wie Pistotnigs Teresa-Text wohl bei der Jury angekommen wäre. Herr Kastberger hätte wohl wieder Trappatoni mit seinem Flasche leer zitiert. Und Philipp Tingler hätte wahrscheinlich wieder das Fehlen der transzendentalen Ebene moniert. Und ich müsste ihnen recht geben. Die Geschichte wirkt konstruiert, allzu konstruiert. Der Text dahingeschrieben. Aber weil ich weiß, dass Autorin und Verlegerin eine besondere Schwäche für feinsinnigen Humor haben, will ich mir meine abschließende Pointe nicht verkneifen. Teresa hört auf ist gewiss der Roman mit den meisten zwanzigsten (XX) Kapiteln…und nun zum Wetter…

Friedrich Hahn

Silvia Pistotnig

Teresa hört auf, Roman

Milena Verlag, 264 Seiten, €23,-

Meine Bewertung: 11 von 23 Euro

Ein Roman wie ein Corona-Test.

Zu Juli Zehs Über Menschen.

Wir sind,-wie schon in Unterleuten,- in der Prignitz. Über Menschen spielt in Bracken, einem fiktiven 284-Seelendorf im nahen Umfeld Berlins. Sogar die „Kampfläufer“ aus Unterleuten kommen kurz einmal wieder vor. Juli Zeh kennt sich hier aus, wohnt sie doch mit Mann und 2 Kindern selbst da. Am Land, wie es so schön heißt. In der Provinz. In einer eigenen Welt.

Und um nichts Geringeres geht es in Über Menschen. Um die Welt. Aber eigentlich geht es um die Mehrzahl. Um Welten. Und um deren Unvereinbarkeit. Das, was uns heutige Menschen auseinanderdividiert. Ob Stadt-Land, rechts – links, Etablierte – Nichtetablierte, Familie – Solisten, Klimaschützer – Klimaleugner. Mit einem Wort: es wird immer schwieriger, dass Gleichgesinnte heute in unserer Zweiklassen- und Mehrweltengesellschaft im harmonischen Miteinander zueinanderfinden.

Juli Zeh dekliniert diese Erkenntnisse am Beispiel ihrer Hauptfigur durch. Zehs Protagonistin heißt Dora, flieht von ihrem Freund und dessen übereifrigen Klimaschutzaktivitäten aus Berlin. Und richtet sich samt Hundedame Jochen in einem spontan erworbenen Landhaus auf einem 400 Quadratmeter verwildertem Grundstück ein. Ihr Nachbar heißt sie auf seine eigene Art willkommen: „Gote. Ich bin hier der Dorfnazi.“ Aus dieser Konstellation heraus entwickelt Juli Zeh ihre Geschichte. Bis zum bitteren Ende. Aber dann…

Dann aber kam die Corona-Epidemie. Juli Zeh stand vor dem Dilemma. Zu viele aktuelle Bezüge verwiesen auf die Erzählzeit, das Jetzt. Wegwerfen, den im Praesens verfassten Plot vergessen? Was also tun? Juli Zeh schrieb die Corona-Krise in ihre Geschichte. Und es funktionierte. Der erste Corona-Roman war fertig. Inklusive George Floyd-Schlagzeilen, neuesten Inzidenzzahlen und Merkel-Beschwichtigungen.

Über Menschen liest sich trotz aller Gegensätzlichkeiten und Rückschlägen (so verliert Dora ihren Job als Werbetexterin; und das just wegen ihrer Kampagne für die von ihr kreierten Marke Gutmensch) als Wohlfühlbuch. Lisa Stift schreibt in ihrer Besprechung: „Die Handlungsmaschinerie, die Zeh in Gang setzt, ist gut geölt“. Ja. Sie ist so gut geölt, dass man sich fast schon in der Landidylle eingelullt fühlt. In Dora sträubt sich zwar alles gegen das Afd-Klima in Bracken, aber das Sträuben ist mehr ein Sträuben gegen ihr eigenes Sträuben. Gegen das Sträuben als solches. Sie freundet sich mehr oder weniger mit Gote an, lernt seine kleine Tochter kennen, freut sich an Gesten, die so etwas wie eine Freundschaft aus Not begründen.

Alles entwickelt sich schlüssig. Vielleicht ein wenig zu schlüssig. Sogar der Schluss ist absehbar. Alles ist, wie es kommt, wie es ist, im Grunde furchtbar und nicht auszuhalten, so die Message. Aber in Über Menschen wird über das „geölte“ Erzählen schnell jede neu auftauchende Ungeheuerlichkeit zur Nebensache. Übrigens,-so hat Juli Zeh es in einem Interview verraten,- nach Unterleuten und Über Menschen wird sie ihr nächstes Buch Neben Sachen betiteln…da führe kein Weg vorbei. Wie heißt es doch am Anfang(?): „Nicht nachdenken. Weitermachen.“ Fehlte eigentlich nur noch ein aufmüpfiges „Trotzdem“. Wer genau hinhört, hört es dann auch auf den nachfolgenden 405 Seiten. Manches Mal auch etwas leise und zwischen den Zeilen. Ein Buch wie ein Corona-Test. In der Sache negativ. Aber als Lesevergnügen allseits positiv.

Juli Zeh, Über Menschen, Roman, Luchterhand, 416 Seiten

Meine Wertung: 20 von 22,70 Euro  

Literarisches Zerfleddern als Erkenntnismethode.

Es war einer dieser seltenen Glücksfälle. Früher war es ja einfacher. Ich wartete, freute mich auf einen neuen Genazino, einen neuen Widmer, einen neuen Geniestreich von Herbert Achternbusch. Man hat, hatte so seine Favoriten. Jetzt muss/musste ich mich immer wieder nach Neuem umsehen.

Auf Weijers ICH. SIE. DIE FRAU (nach Die Konsequenzen/2016/ ihr zweiter Roman) wurde ich zufällig durch eine NDR-Rezension aufmerksam. Darin zitiert Marie Schoeß folgende Passage: „Ich denke, wenn man lebt und irgendwann ehrlich in Bezug darauf ist, was das bedeutet, dann versteht man, dass man sich als Mensch in einem fort aufspaltet, man könnte auch sagen auseinanderfällt, aber vielleicht ist das nicht richtig, weil es ja zu keinem Zeitpunkt so etwas wie einen festen Kern gegeben hat.“ Das interessierte mich. Einmal, weil es das Fragile der menschlichen Existenz auf den Punkt bringt. Und zum anderen, weil uns die Autorin gleich selbst ihren Plot erklärt.

Dies ein bestimmendes Merkmal von Weijers Prosa. Die niederländische Autorin (Jahrgang 87) gibt ihrer Geschichte, dem Text gleich auch ihre eigenen Widersprüche mit, wenn sie etwa schreibt: „Meine Geschichte, sagt sie, ist ehrlich gesagt das Fehlen einer Geschichte.“ (Seite 37) Oder wenn es auf Seite 67 heißt: „Ihm zuzuhören war, wie die Trümmer eines Flugzeugs nach einem Absturz zusammenzutragen.“

Was also ist von einer Geschichte zu halten, von der die Autorin/Erzählerin selbst sagt, dass sie das Fehlen einer Geschichte ist? Tragen wir also die Trümmer zusammen, das Aufgelesene, das Erschriebene, das Erdachte, das „Zusammengeschusterte“ (Seite 227). Vielleicht finden wir ja dann auch noch den Flugschreiber.

Hauptfigur ist eine junge Schriftstellerin. Namenlos. Ihr zur Seite hat Weijers unter anderen Nebenfiguren eine gewisse M. als beste Freundin gestellt. In den mosaikartig Abschnitten und Szenen führt uns Nina Weijers Möglichkeiten im Sinne von „was wäre, wenn sie sich in bestimmten Momenten des Lebens anders entschieden hätte“ vor. Und lädt uns, die Leserschaft, im Spiel mit Widersprüchlichkeiten („Ich dachte: Ab jetzt spalten sich die Möglichkeiten endlos auf.“) und Eigenkritik zum Dialog und zur Stellungnahme ein. Ich musste natürlich an Paul Austers 4 3 2 1, an diesen 1264 Seiten dicken Wälzer denken, der den Lebensweg des Archie Ferguson in vier Strängen und vier Varianten erzählt.

Auster habe ich nicht geschafft, gab irgendwo nach 100 Seiten auf. Weijers zweiter Roman hat zwar <nur> 235 Seiten, aber ich ließ mich Zeile für Zeile und mit gebotener Andacht bis zur letzten Seite auf das Dialogangebot ein, schlüpfte auch mehr und mehr unversehens in die Rolle von M. Besonders zwei Textstellen will ich hervorheben, die allein schon die Lektüre von ICH. SIE. DIE FRAU lohnen. Schon mit dem Beginn (Seite 7) und der Badewannen-Szene hatte mich die Autorin für sich eingenommen. Und dann die Hunde-Sequenz auf Seite 144/145…großartig. Sätze wie: „Das Wunder des Hundes besteht darin, dass er kein Mensch zu sein braucht.“ Aus solchen Sätzen, da bin ich mir sicher, ist große Literatur gemacht. Und übrigens: An der Auswertung des beziehungsweise meines eigenen Flugschreibers werde ich noch über diese Rezension hinaus gewiss noch länger beschäftigt sein.

Meine Wertung: 20 von 23 Euro

© Friedrich Hahn

Nina Weijers

ICH. SIE. DIE FRAU

Roman, Suhrkamp, 235 Seiten

Geisterbahnfahrten durch Myzelien. Oder: Frühling für alle.

Eine Annäherung an die Texte der Schweizer Autorin Adelheid Duvanel.

Von Friedrich Hahn.

Es wird ein Versuch bleiben. Kann nur ein Versuch bleiben. Ich will es dennoch wagen, etwas über Adelheid Duvanels Prosa-Miniaturen zu sagen.

Was sofort auffällt: Duvanels Geschichten, meist nicht länger als eineinhalb Seiten, lassen sich nur schwer nacherzählen. Auf die Frage „Was liest denn da?“ kommt man als Leser in Verlegenheit. Ähäm. Collagen von Momentaufnahmen? Falsch. Streiflichter ins Nebenhinaus, an die Ränder, da wo die Außenseiter zu finden sind? Hmmm. Alles falsch. Oder? Meist weiß ein Satz nichts vom vorigen. Und auch nichts vom nächsten. Auch die Figuren bleiben einander, auch wenn sie dann und wann sogar interagieren, fremd. Wiewohl sie genau durch dieses Fremde -quasi im Vorbeigehen, -definiert werden. Aber kaum glaubt man, hier bahnt sich eine Geschichte an, kommt ein Stelzengänger ums nächste Eck, überquert eine trächtige Katze den Platz. Dann brodelt’s und blubbert’s in Duvanels Alchimistentextküche. Da noch ein fetter Traum, dort noch eine Brise Surreales…und schon beginnt die Phantasie, „die fliegende, flatternde, Purzelbäume schlagende Schwester der steifbeinigen Wahrheit“ wie wild zu rattern. Es hat etwas von einer Fahrt in der Geisterbahn.

Man sieht nie alles. Will noch einmal mitgenommen werden, entdeckt beim zweiten Mal lesen, beim dritten Mal immer wieder noch Neues, Überraschendes. Es ist halt wie im richtigen Leben. Es lässt sich halt nicht so einfach erzählen. Und erst recht nicht linear. Biografien bestehen aus zig Verästelungen, unendlichen Bezügen, schälen sich aus dem Schemenhaften des Atmosphärisches heraus. Ich stell mir die Prosa von Duvanel als Myzel vor, ein unterirdisches Geflecht von Lebenslinien, die aufeinander zustreben, um sich dann auch vielleicht im nächsten Satz wieder abzustoßen und auseinanderzudriften. Überhaupt herrscht in Duvanels Kurzgeschichten viel Bewegung. Da kann es dann auch manchmal ganz schön holpern und rumpeln: „In einem Schaufenster waren rote und blaue Krücken ausgestellt und ein Plakat verkündete: >Frühling für alle.>“ Der allerdings blieb Adelheid Duvanel selbst vorenthalten. Sie beging im 60. Lebensjahr 1996 (wie 10 Jahre vor ihr ihr Ehemann) Suizid. Ihre Prosa…das ist der Frühling. Der literarische Frühling. Immer wieder frisch, erfrischend. Und daher eine unbedingte Lese-Empfehlung! Eine Entdeckung. Seite für Seite. Satz für Satz.

Adelheid Duvanel „Das verschwundene Haus“, Erzählungen (Luchterhand Literaturverlag, Darmstatt 1988)

Adelheid Duvanel „Beim Hute meiner Mutter“, Erzählungen (Nagel & Kimche, München 2004)

Botox als Stilmittel

Zu Robert Seethalers „Der letzte Satz“

Botox ist ein neurotoxisches Protein zur Straffung von Mimik-und Zornesfalten. Nun gibt es auch in der Literatur einen Autor, der mit Botox arbeitet. Robert Seethaler hat sich der Biografie von Gustav Mahler angenommen. Nun. Wir kennen alle die historischen Eckpunkte, wissen um seine Ehe mit Alma, seine Tourneen, die ihn u.a. nach Amerika führten. Das schmale Bändchen wird vom Verlag als Roman ausgegeben. Geworden ist es ein flüchtiger Streifzug. 

Zugegeben: Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe mir vor Lektüre den WIKIPEDIA-Eintrag zu Alma Mahler-Werfel und natürlich den von Mahler angeschaut. Sie lesen sich wie das Expose zu Seethalers Roman. Die WIKIPEDIA-Texte faszinierten mich allerdings auch als Texte. Durch ihre Klarheit. Durch ihre Direktheit. Gewiss hat Seethaler über die WIKIPEDIA-Einträge hinaus viel recherchiert. Aber sein Text im Roman wirkt, als hätte er die WIKIPEDIA-Einträge mit Botox aufgespritzt. Viele Szenen kommen daher, als müsste der Autor Zeilen und Seiten schinden. Einmal bittet der Bub, der am Schiff für den Meister abgestellt ist, er möge ihm etwas über die Musik, die er macht, erzählen. Die Antwort ist nicht nur für den Knirps ernüchternd: „Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald sich Musik beschreiben lässt, ist sie schlecht.“

Ob das auch für Literatur gilt? „Der letzte Satz“ ist in der Tat unbeschreiblich. Unbeschreiblich enttäuschend. Unbeschreiblich kraftlos und einlullend. Fast kitschig. Die Figuren sind blutleer, kleben am Papier. So blieb jedwede Mimik bei mir aus. Aber auch die Zornesfalten. Ich schlage nach dem letzten Satz auf Seite 126, der da heißt „Und das war gut, denn es war Zeit, zu gehen“ das Buch zu. Und stimme das erste Mal zu. Fazit:  Die Anwendung von Botox als Stilmittel in der Literatur ist nicht zu empfehlen. 

Meine Wertung:   1 von 19 Euro (Ich habs mir übrigens ausgeborgt)

Friedrich Hahn  

Literatur und Kalkül.

Ein Essay über das Echte und Berechnende von Schreibmotiven.

Erst wollte ich mir nur den Frust über ein bestimmtes Buch von der Seele schreiben. Auf Facebook hatte ich mich zu dem Romanerstling einer sonst als Kabarettistin performenden Neoautorin geäußert. Unter anderem schrieb ich, dass es um Literatur gehen müsse, wenn wir über Literatur reden wollen, dass diese Person sich als künstliches Püppchen inszeniere. Und dass ich der Ansicht sei, dass Literatur Echtheit und Authentizität voraussetzt.

Ich hatte das Geplänkel schon vergessen, vor allem wollte ich diese künstliche Figur mit diesem unsäglichen Roman nicht noch ein Forum bieten, allein dadurch, dass ich dann ihren Namen oder den Titel ihres Romans erwähnen müsste, als mich eine Facebookerin in einem Kommentar fragte, was ich denn unter <echt> verstünde.

Ich fühlte mich herausgefordert. Da tauchte es auf, dieses Wort: Kalkül. Mir fiel aber nicht gleich etwas Brauchbares dazu ein. Schreibt man nicht immer mit einem bestimmten Vorsatz? Thematisch? Und überhaupt? Ich lenkte mich ab. Mit Literatur. Mit Literatur meiner Wahl und nach meinem Geschmack. Also auf in die Buchhandlung.

Ich kam mit 2 Büchern heim. Von Monika Maron hatte ich so ziemlich alles gelesen. Zuletzt ihren Munin. So war ich auch auf ihren neuesten Roman Artur Lanz neugierig. Von Ulrike Draesner kannte ich nicht so viel. Ihre Romane Mitgift und Lichtpause hatte ich nur angelesen, aber ich hatte sie auf dem Stapel <Möchteichdemnächstlesen> deponiert. Ihr neuer Roman Schwitters interessierte mich schon deswegen, weil der Dada-und Merz-Künstler mein eigenes, frühes Schreiben beeinflusst hat.

Für den Artur Lanz brauchte ich nur drei Nachmittage. Die Geschichte von Artur Lanz und der Ich-Erzählerin Charlotte Winter liest sich süffig und muss hier nicht eigens nacherzählt werden, sie ist in den diversen Besprechungen nachzulesen. Die Maron kann erzählen. Und sie erzählt am liebsten gegen den Strom, gegen den Mainstream. War es in Munin die Ausländerfrage, zweifelt sie in Artur Lanz u.a. an den Zielen des Feminismus bzw an deren Mitteln, um diese Ziele zu erreichen. Kaum erschienen, hagelte es auch sogleich harsche Kritik. So hieß es auch über Artur Lanz wieder schnell: Hände weg und Fatale Thesen (Achgut.com). Und schon steht Monika Maron wieder im rechten Eck. Genau das ist es, was zu denken gibt. Steht man automatisch im rechten Eck, wenn man etwa den Verlust der männlich konnotierten Eigenschaften wie Mut, Entschlossenheit und Durchsetzungskraft konstatiert? „Sie wünschte, die ganze Welt würde weiblicher werden, dann wäre sie auch friedlicher. Mir entfuhr ein hörbares Stöhnen.“ Die fast 80-jährige Maron nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Und wie ich es schreibe, fällt mir wieder das Schlüsselwort ein: Kalkül. Ist es Kalkül, gegen den Mainstream anzuschreiben? Die Antwort gibt das Buch: „Kann man jemanden nur verteidigen, wenn er recht hat? Ist es auch nicht ein Recht, unrecht zu haben?“ Artur Lanz ist ein Buch über den Mut. Und genau den hat die Autorin bewiesen. Und es ist ein Plädoyer für eine Meinungsfreiheit ohne Wenn und Aber. Genau davon handelt das Buch. Kalkül? Nein, Kalkül kann ich darin nicht erkennen. Im Gegenteil. Es ist so ziemlich das ehrlichste Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Und noch dazu ein gutes Stück Literatur. Ein sehr gutes Stück Literatur.

Ich machte mich an Draesners Schwitters. Ein Mammutunternehmen. Für die Autorin gewiss wegen des Rechercheaufwands. Für den Leser wegen der Dichte und des Umfangs von 471 Seiten. Draesner schreibt um ihr Leben, das in Fallvon Draesner Schwitters das von Kurt Schwitters ist. „Manche sagen, eine Person sei wie ein Gebäude. Als Gebäude hat eine Person Fenster und Türen.“ Die Türen, die Draesner für uns zu „Körrt“ öffnet, führen stilistisch mitten ins Werk von Schwitters, mitten hinein in den Merzbau. Draesner Satzgebilde gleichen „Raketen, Kaminen und Spindeln“, ganz so wie Schwitters/Draesner den Merzbau sah: „Hier steckt man einen Finger in den Schlitz, dort hielt man die Nase an ein Loch und wurde aufgesogen von Erinnerungen, Bildern, Ideen.“ Manche Tür führt auch ins Kryptische („…er traute sich in keiner Sprache mehr über den Weg.“): „Summend. Teestill. Bleibestill. Kurt im Verschiebeglück.“ Ja, so etwas lässt sich nicht lesen wie der Lanz. Da muss man sich Wort für Wort, Satz für Satz auf den Text einlassen. Das strengt an. So war ich nach einer Woche erst auf Seite 268, nach drei weiteren Wochen kam ich dann schlussendlich auf Seite 471 an.

Fast hätte ich vor lauter Dada vergessen, was mein Thema ist. Ach ja: Literatur und Kalkül. Wie bei Maron kann ich bei Draesner kein Kalkül erkennen. Zwar könnte man meinen, dass Draesner sich die Biografie eines berühmten Künstlers vorgenommen hat, um damit zu reüssieren. Aber dafür ist mir der Roman zu engagiert, zu stimmig, zu authentisch, Ulrike Draesner zu sehr im Kopf von Kurt Schwitters. War ihre liebste Betätigung in der Kindheit doch auch das Zeichnen und Malen, wobei sie sich dabei meist unter Tischen verkrochen hat.

Ein Satz des Kritikers Ijoma Mangold bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Wo nichts geziert ist, ist alles berührend.“ Draesners Schwitters-Roman ist berührend. Trotz der Text-bzw Kopflastigkeit. Oder vielleicht gerade daher. 

In der Post eine Gewinnnachricht. Ich habe ein Buch gewonnen. Jetzt dürfen Sie raten, welches. Richtig. Ich bin so überhaupt nicht berührt. Nicht wegen der Tatsache, dass ich erstmals in meinem Leben etwas gewonnen habe. Und schon gar nicht vom Buch. Jetzt habe ich außerdem zwei. Tja, manches Mal ist es Pech, auch wenn es für Außenstehende wie Glück aussieht. Also wenn das nicht berührend ist…   

Erinnern – Andichten – Erdichten

Elfriede Bruckmeier, Kostproben, Erzählungen, Literaturedition Niederösterreich, 128 Seiten, € 18,-

„Kostproben“ nennt Elfriede Bruckmeier ihren Erzählband, ihre vierte Einzelpublikation. Und in der Tat. Bruckmeier hat viel zu erzählen, vieles erlebt. Aber…-sie tut dies nicht ausschweifend. Sie beschränkt sich auf das Nötigste. Andere hätten aus der einen oder anderen Story einen Roman gemacht. Etwa aus der wunderbaren Geschichte der stotternden Näherin auf der Stör, der zuletzt Flügel wachsen und die sich schlussendlich durchs offene Fenster davonmacht. Nicht so Elfriede Bruckmeier. Sie verliert kein Wort zu viel, belässt es beim Wesentlichen: „Und noch im Fliegen rief sie…<Mehr Mut!>, ganz ohne zu stottern.“  Die Geschichten reichen weit zurück, oft sogar bis in die frühen Jahre des vorigen Jahrhunderts. Geschichten sind es von Großvätern, von den Kriegen, von demenzkranken Müttern und einem Kriegsverwundeten, der den Namen seines Retters vergessen hat. So heißt es in der „Magie der Dinge“: …, der Staub ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit.

Auch wenn sie weit zurückreichen, Bruckmeiers Erzählungen sind aber alles andere denn verstaubt. Sie spielt mit ihren Erinnerungen. So ist der Band, der mit Grafiken ihres 2016 verstorbenen Gatten Lothar kongenial ergänzt wird, in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten Teil („Erinnern“) verarbeitet Elfriede Bruckmeier viel aus ihrem eigenen Leben. Wenn sie etwa in den Rollen von Adam&Eva das Kennenlernen mit ihrem Gatten in einem englischen Herrenhaus schildert. Sie, die 19-jährige Volontärin. Er, der Restaurantchef und Sommelier, „the waiter who never smiles.“ Sie heiraten 1961, 1962 kommt Sohn Stephan zur Welt. Die junge Familie kehrt nach Österreich zurück, nach Eichgraben, wo Lothar und Elfriede den „Verein für Kunst und Kultur Eichgraben“ gründen. Die Galerie in dem stilvollen, ehemaligen Ausflugslokal nahe der Bahnstation Eichgraben wird bald zu einem gesuchten Veranstaltungsort für Malerei, Musik und Theater. Zu einer Institution. Lothar entwickelt sich zum angesehenen bildenden Künstler und Elfriede wird als Redakteurin für Magazine und schriftstellerisch mit Prosa und Lyrik (vornehmlich Haikus) tätig. 1992 erhält sie den Anerkennungspreis des Landes.

Teil zwei und drei der „Kostproben“ sind mit „Andichten“ und „Erdichten“ überschrieben. Hier genügt Bruckmeier eine Begebenheit, ein dahingesprochener Satz als Anlass, um ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen: „…alles ist nur noch ein Gerücht, auch der Tanz zweier junger Menschen: <Liebe für wenige Augenblicke>. Ist es denn jemals mehr gewesen…?“ Doch(!), möchte man Elfriede Bruckmeier zurufen. Unbedingt!

„Kostproben“ geben Zeugnis von einem bewegten und erfüllten Leben, das stets vom Engagement für Kunst und Literatur geprägt war. Im September dieses Jahres feierte Elfriede Bruckmeier ihren 80.Geburtstag. An dieser Stelle: Herzlichen Glückwunsch!

Meine Wertung: 12 von 18 Euro