Von geheimen Wünschen und ungewollten Gefühlen.

Zu Corinna Antelmann, IM GEISTE, ANNA / Erzählung, Kollektiv-Verlag, Softcover, 75 Seiten, € 13

Kleine, feine Bücher macht der Grazer Kollektiv-Verlag. Kleine Bücher, schlicht und elegant. Es geht um den Text. Und um nichts anderes. Im November 2022 erschien nun Corinna Antelmanns Anna Freud-Text. Ein Projekt, das Corinna Antelmann als Preisträgerin des Alsergrunder Literaturstipendiums realisierte. Als Juror bzw Initiator des Stipendiums (der Alsergrund ist der einzige Bezirk in Wien, der ein Literaturstipendium auslobt) kannte ich das Konzept der Einreichung. Umso gespannter war ich auf die Umsetzung.

Corinna Antelmann wollte sich auf die Spuren von Anna Freud machen. Hauptfigur sollte Martha sein, eine verträumte und phantasievolle Studentin, die in einem Teeladen im Neunten jobbt. In einem Wechselspiel von Traum und Phantasie entschließt sich Martha, ihr Studium abzubrechen und stattdessen dem Traum zu folgen, Schriftstellerin zu werden. Damit wagt sie den Schritt, der Anna Freud versagt geblieben ist.

Soweit das preiswürdige Konzept.

Genauso überzeugend -und um es vorwegzunehmen- ist nun die Umsetzung. Antelmann, 1969 in Bremen geboren und 2006 nach Österreich (Linz/Ottensheim) gekommen, wählte für ihre Erzählung das Format des Briefes.

Martha schreibt an Edith, ihre Freundin. Martha ist nach Wien gegangen, um den „Ansprüchen“ des Vaters, die sich wie Gefängnismauern anfühlen, zu entfliehen. Edith war Kommilitonin (sie belegten in Bremen gemeinsam das Fach „Feministische Psychoanalyse“) und Geliebte und wird jetzt im fernen Wien (sie lebt und jobbt am Alsergrund im Umfeld der Berggasse) als Briefpartnerin Adressatin von Marthas „geheimen Wünschen und ungewollten Gefühlen“. Martha ist einsam. Im Leben. Im Job. In ihrem „Untätig-Sein-Müssen“. In ihrem „Ungenügend-Sein.“ Martha sieht in ihren Tagträumen Geister, ihre Doppelgängerin. Es ist niemand geringere als Freuds Tochter, Anna.

Martha spürt, sie muss etwas ändern, will raus aus ihrem „Korsett aus Freundlichkeit und Disziplin“, will gegen ihre indifferenten Angst -und Schuldgefühle („Mein Gefängnis bin ich selbst.“) angehen. Immer mehr bestimmt Anna, die Kunstfigur in Marthas Phantasie, ihr Leben. Martha schreibt dann auch nicht mehr an Edith, sondern richtet die Briefe an sich selbst: „Leb wohl Edith, ich halte mich an Anna, …“ Marthas Weg zu Sich selbst wird von wilden Träumen begleitet. Patienten werden geköpft, Martha hat ein Verhältnis mit ihrem Vater. Aber sie weiß jetzt: Sie muss ihren eigenen Weg gehen. Sie schreibt einen Brief an Anna. Und schließlich einen an sie und sich selbst, in dem es einfach nur heißt: „wartet, ich komme. Ich bin gleich da.“ Martha hat es geschafft: Sie ist bei sich angekommen, ist Autorin geworden. Und Corinna Antelmann? Ihr ist ein wunderbares Vexierbild über Autonomie und Emanzipation gelungen. Ein wahrhaft preiswürdiges Stück Literatur. Chapeau!

Meine Wertung: 12 von 13 Euro

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